Weniger Zuzug nach Darmstadt

Ein Kommentar im Darmstädter Echo, vom 15. Mai 2021, unter Mitwirkung von Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Linke

2021/05/17

Die Zahl der Menschen, die nach Darmstadt ziehen, ist in den vergangenen vier Jahren stetig gesunken.

Zunächst ein Blick auf die Zahlen, die die Stadt auf Anfrage vorgelegt hat für die letzten fünf Jahre. 2016 startet dabei mit einem erhöhten Niveau infolge der Flüchtlingskrise von insgesamt 16 050 Zugezogenen gegen über 14 048 Fortgezogenen. Dann folgt ein kontinuierlicher Rückgang des Zuzugs von außerhalb: 14 482 Personen in 2017, 13 814 in 2018, 13 454 in 2019 und 10 896 in 2020. Demgegenüber weniger stringent stellt sich die Entwicklung bei den Wegzügen dar: Sie sind zwar tendenziell auch zurückgegangen, aber das weniger stark und in manchen Jahren sogar gestiegen.

In der Folge ist der Zugewinn durch Wanderung von und zu Darmstadt insgesamt rückläufig: Bilanziert die Statistik für 2016 noch ein Plus von 1966 Personen im Vergleich zum Vorjahr, sank der Zugewinn in den Folgejahren auf 188 Neu-Bürger in 2017, 696 in 2018, 318 in 2019. Und 2020 bilanziert sogar ein Minus von 1119 Menschen in der Bevölkerungsentwicklung. Für das erste Quartal 2021 zeigt die Statistik zwar wieder einen Wanderungsgewinn von plus 120 Personen. Doch jährliche Zugewinne von fast 2000 Bürgern, wie sie in der ersten Hälfte der 2010er Jahre häufig war, sind schon länger passé. „Der Zeitraum der letzten fünf Jahre ist von historischen Ereignissen geprägt“, erläutert der Magistrat dazu. 2016 stehe noch unter dem Einfluss der Notlage geflüchteter Menschen, 2020 überdecke die Pandemie die Bevölkerungsentwicklung vollständig. „In der Zwischenphase spielt nicht zuletzt die jeweilige Verfügbarkeit von freien Wohnungen am Darmstädter Wohnungsmarkt als limitierender Faktor eine bedeutsame Rolle.“ Diese Entwicklung macht sich auch bei den Vermietungen der städtischen Wohnungsgesellschaft bemerkbar. „Durch die besondere Situation der Corona-Pandemie ist bei der Bauverein AG ein Rückgang der Nachfrage nach Wohnungen spürbar“,

„Wenn man sich keinen adäquaten Wohnraum leisten kann, zieht man weg.“
Hans-Joachim Linke, Professor am TU-Institut für Geodäsie

teilt die Unternehmenskommunikation auf Anfrage mit. So habe es vor der Corona Krise wöchentlich 150 bis 200 Anfragen pro Wohnung gegeben, zurzeit seien es nur 60 bis 80. Eine Rolle spiele dabei auch der verringerte Zuzug von Studenten, die aufgrund des Fernunterrichts zurzeit nicht mehr in Darmstadt wohnen müssten. Doch jenseits des Pandemieeffekts kann auch die städtische Tochter schon länger einen verminderten Zuzug beobachten. Bei Neuvermietungen von Wohnungen im frei finanzierten Bereich nahm der Anteil der Bewerber von außerhalb Darmstadts beständig ab: Lag dieser 2016 noch bei 25 Prozent, reduzierte er sich 2017 auf 21 Prozent, 2018 auf 15 und 2019 auf 11 Prozent. Im vorigen Jahr kamen gerade noch 4 Prozent der Neumieter von außerhalb. „Da kommen ganz viele Effekte zusammen“, kommentiert den abbremsenden Zuzug Hans-Joachim Linke vom Institut für Geodäsie am TU Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwissenschaften. Der Professor mit Fachgebiet Landmanagement nennt zuvorderst die hohen Miet- und Immobilienpreise. „Wenn man sich keinen adäquaten Wohnraum leisten kann, zieht man weg.“ Gerade junge Familien ziehe es ins Einfamilienhaus ins Grüne, was der Homeoffice Schub noch forcieren könnte. Und von denen gebe es viele in einer Hochschulstadt, wo junge Leute zum Studium herkommen und dann bei einem attraktiven Arbeitsmarkt blieben.

Nun wird in Darmstadt derzeit viel neuer Wohnraum geschaffen. Kann das den Markt vielleicht entspannen? „Das wird erstmal den Effekt haben, dass der interne Bedarf gedeckt wird“, vermutet Linke vielmehr. Aber ein zusätzliches Angebot generiere immer auch eine entsprechende Nachfrage. Und es entstünden vor allem hochpreisige Eigentumswohnungen und geförderte Wohnungen für Menschen mit niedrigerem Einkommen. Das ändere auch an den hohen Preisen auf dem freien Wohnungsmarkt erstmal wenig. Der Magistrat äußert sich vorsichtig optimistisch: „Mit der Schaffung von Baurecht für über 10 000 Wohnungen erwarten wir eine gewisse Entspannung.“ Hinzu kämen die Maßnahmen des wohnungspolitischen Konzepts zur Aktivierung weiterer Potenziale. Doch seien die Städte mit ihrem Angebot an Arbeitsplätzen, Bildung, Kultur und sozialen Angeboten nach wie vor so attraktiv, „dass ein spürbarer Rückgang der Nachfrage nach Wohnraum nicht erwartet wird“.

Ein Kommentar von Alexandra Welsch im Darmstädter Echo, vom 15.05.2021